„Fremd sind immer die anderen oder Märchen ohne Grenzen.“
Fremd? Nur solange bis die Geschichte beginnt.

Ein frei erzählter Volksmärchenabend für Erwachsene über Grenzen, Aufbruch und das Ankommen: In alten Geschichten aus verschiedenen Kulturen begegnen sich Fremde, Suchende, Vertriebene und Gastgeber – manchmal mit offenen Armen, manchmal mit Misstrauen, oft mit einer unerwarteten Wendung. Zwischen Humor, Poesie und unbequemen Fragen öffnet dieser Abend einen Raum für das, was Menschen verbindet: Erinnerung, Verlust, Hoffnung und die Sehnsucht nach einem gemeinsamen Zuhause.


Warum Volksmärchen für Erwachsene sind

Volksmärchen werden oft vorschnell ins Kinderzimmer verbannt. Dabei stammen sie aus einer Zeit, in der Geschichten am Feuer, auf Höfen, in Küchen und auf Dorfplätzen vor allem von Erwachsenen für Erwachsene erzählt wurden. Sie handeln nicht von harmloser Weltflucht, sondern von existenziellen Erfahrungen: Angst und Mut, Verlust und Hoffnung, Fremdsein und Heimkehr, Armut und Macht, Schuld und Vergebung, Verrat und Treue. Märchen sprechen in Bildern über das, was Menschen bewegt, aber nicht immer direkt aussprechen können.

Gerade deshalb ähneln sich viele Urmotive in Volksmärchen aus unterschiedlichen Kulturen. Ob jemand in die Fremde zieht, eine Prüfung bestehen muss, unterwegs Hilfe von Unerwarteten erhält, durch einen dunklen Wald geht oder am Ende eine neue Form von Heimat findet: Diese Bilder tauchen weltweit auf, weil sie grundlegende menschliche Erfahrungen beschreiben. Märchen bewahren die Erinnerung daran, dass Aufbruch, Begegnung, Angst vor dem Unbekannten und die Sehnsucht nach Zugehörigkeit keine einzelnen Schicksale sind, sondern gemeinsame Menschheitsgeschichten.

So wird der Märchenabend zu mehr als Unterhaltung: Er lädt Erwachsene ein, alte Geschichten neu zu hören – als Spiegel unserer Gegenwart und als Einladung, über Integration, Immigration und Miteinander anders nachzudenken. Denn manchmal zeigt gerade das scheinbar Alte, wie aktuell unsere Fragen sind.


Warum Volksmärchen auch heute Kindern erzählt werden sollten

Volksmärchen sollten auch heute noch Kindern erzählt werden, weil sie auf einfache und zugleich tiefgründige Weise von menschlichen Erfahrungen sprechen, die jedes

Kind verstehen kann: von Angst und Mut, vom Verlorengehen und Wiederfinden, vom Fremdsein und vom Ankommen. Gerade in einer Gesellschaft, in der viele Kinder unterschiedliche kulturelle Hintergründe haben oder mit den Themen Flucht, Migration und Integration in Berührung kommen, können Märchen Brücken bauen. Sie zeigen, dass Menschen überall auf der Welt ähnliche Wünsche haben: Sicherheit, Freundschaft, Anerkennung und ein Zuhause.Volksmärchen aus verschiedenen Ländern machen Kindern deutlich, dass das Fremde nicht bedrohlich bleiben muss. Wenn sie hören, dass auch in anderen Kulturen kluge Mädchen, mutige Jungen, hilfsbereite Tiere, arme Menschen, Könige, Reisende oder Suchende vorkommen, erkennen sie Gemeinsamkeiten statt nur Unterschiede. So können Märchen dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und Neugier auf andere Lebensweisen zu wecken. Sie vermitteln: Jede Kultur besitzt wertvolle Geschichten, und jede Geschichte verdient es, gehört zu werden.


Besonders für Kinder mit Einwanderungs- oder Fluchterfahrung können Märchen stärkend sein. Viele Volksmärchen erzählen von Aufbruch, Prüfungen, Verlust und der Suche nach einem neuen Platz in der Welt. Kinder erleben darin, dass Wege schwierig sein können, aber nicht hoffnungslos bleiben müssen. Gleichzeitig erfahren Kinder ohne eigene Migrationserfahrung, wie es sich anfühlen kann, fremd zu sein, Hilfe zu brauchen oder sich eine neue Heimat zu schaffen. Märchen fördern dadurch Empathie und ein besseres Verständnis füreinander.

Darum sind Volksmärchen auch heute wichtig: Sie bewahren nicht nur alte Erzähltraditionen, sondern eröffnen Kindern einen gemeinsamen Raum des Zuhörens. In diesem Raum darf Verschiedenheit sichtbar werden, ohne zu trennen. Märchen können Kindern helfen, Sprache, Bilder und Gefühle für das Thema Integration zu finden. Sie zeigen, dass Heimat nicht nur ein Ort ist, sondern auch dort entstehen kann, wo Menschen einander zuhören, einander aufnehmen und gemeinsam neue Geschichten beginnen.


Diese „Märchenstunde“ findet am Freitag, 2. Oktober 2026, im Kulturbahnhof Rahden statt. Beginn ist 18:30 Uhr.

Eintritt: 5,00 Euro